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Zur Geschichte der Schule Rüti
(Text verfasst von Ernst Stöckli)

Das Rüti-Schulhaus gilt noch heute als Bau der Rekorde und zwar in verschiedener Hinsicht: Zum Ersten wurde kein anderer Schulhausbau dieser Grösse im Kanton Bern in derart kurzer Zeit errichtet: Im Oktober 1968 wurde der Grundstein gelegt und ein halbes Jahr später zogen bereits die ersten Klassen ein. Wohl war noch nicht alles vollendet: Das kleine Schulhaus und die Turnhalle waren nicht bezugsbereit und um in das grosse Schulhaus zu gelangen, balancierten Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer über Bretter zum Eingang. Zum Zweiten gibt es wohl kein anderes öffentliches Gebäude aus dieser Zeit, das mit seinen 5 Stockwerken über keinen Lift verfügt. Die Gemeindeväter und - wie die Protokolle der Gemeindeversammlungen beweisen - eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger waren damals bei der Kreditbewilligung der Ansicht, das Treppensteigen sei gesund und Kinder und Lehrkräfte hätten nie krank oder gehbehindert zu sein. Dass auch der Hauswart gelegentlich schwere Maschinen oder Möbel auf die verschiedenen Stockwerke zu befördern hat, wurde einfach ignoriert. Ein Lift ist für ein Schulhaus ein Luxus, punktum! lautete der Entscheid. Zum Dritten wurde nirgendwo anders ein Schulhaus derart nahe an einen Schiessplatz gebaut, nämlich weniger als 100m! Was hat die Schule Rüti während all der Jahre unter dem Schiesslärm gelitten, weil das Militär jahrelang die Rekruten von Bern und Worblaufen auf dem Oberfeld ihre Schiessübungen absolvieren liess! Dazu kamen noch die verschiedenen Schützenfeste und die obligatorischen Übungen der städtischen und ortsansässigen Vereine. Es brauchte Jahre, bis die Diskussion zum Thema Verschiebung der Schiessanlage endlich versachlicht und auf die Durchsetzung der Lärmgrenzwerte gepocht wurde. Heute, wo der Schiessplatz nicht mehr in Betrieb ist, wird uns älteren Lehrkräften erst recht bewusst, wie lärmig es damals war und wie schön es ist, im Sommer die Schulzimmerfenster nun offen lassen zu können. Zum Vierten, sofern man dies auch als Rekord verstehen will: Das Schulhaus Rüti ist weit und breit das einzige Schulhaus, das nie eingeweiht wurde. Ob es Zeit- oder Geldmangel oder mangelnde Freude am vollendeten Bauwerk oder gar alles in einem waren, ein Fest gab es nach seiner Vollendung nie; fast musste man den Eindruck erhalten, man schäme sich des vorfabrizierten "Zweckbaus". Rauschende Feste erlebte das Schulhaus aber trotzdem: Da es ja auch keine Bibliothek gab, wollte die Lehrerschaft schon 1972 zur Tat schreiten und den Behörden beweisen, dass es ihr ernst war, eine Gesamtbibliothek zu realisieren. Einen Teil der Kosten sollte an einem Basar im Spätherbst gesammelt werden. An einem Wochenende verwandelte sich das Schulhaus in einen bunten Wirtschafts-, Bar-(!) Theater-, Spiel-, Tanz- und Marktort und alle hatten Freude. Der Erfolg war gross, die Gemeinde bezahlte die restlichen Kosten zur Einrichtung der ersten Gesamtbibliothek in Ostermundigen ohne Zögern. Leider war jedoch von Anfang an klar, dass diese Bibliothek zu klein war. Sie befand sich im Parterre des grossen Schulhauses, im heutigen "Werken 1". Man suchte nach Lösungsvarianten und 13 Jahre später, im Sommer 1985, wurde die beste ausgearbeitet: Die Bibliothek sollte in den ersten Stock verlegt und das Foyer einbezogen werden. Um dem Projekt wieder Nachdruck zu verleihen, wurde der zweite Bibliotheksbasar nötig: Er wurde zu einem noch grösseren Erfolg: Zu den bekannten und bewährten Attraktionen gab es sogar Helikopterflüge, Fallschirmabsprünge - letztere sogar bei einbrechender Dunkelheit! - Jahrmarktspiele, Brocante und für die Kleinsten ein Rösslispiel. Im Spätherbst 1986 war die neue, grosse Gesamtbibliothek endlich so, wie sie sich die Lehrerschaft und die Schulkinder wünschten: Sie bot genügend Raum, war freundlich farbig ausgestaltet und erlaubte es auch, andere Medien einzusetzen.

Das Schulhaus war von Anfang an mit baulichen Mängeln behaftet und vielleicht waren es gerade die fehlenden Einrichtungen, die der Lehrerschaft immer wieder den Anstoss gaben, kreativ nach Lösungen zu suchen, Nichtvorhandenes mit zum Teil einfachen Mitteln doch noch zu realisieren. Von der Bibliothek war bereits die Rede. Ein weiteres Beispiel war die Schaffung eines Projektionsraums: Weder im Sing- noch im Naturkundezimmer konnte befriedigend verdunkelt werden und in den Klassenzimmern sowieso nicht. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurden jedoch häufig Dias und 16mm-Filme im Unterricht eingesetzt. Man erinnerte sich der vielen Zivilschutzkeller und kurz entschlossen realisierte die Lehrerschaft im grössten einen einfachen "Kinosaal", das leidige Verdunkeln war gelöst. Mit SBB-Paletten entstanden sogar ansteigende Sitzreihen, mit weisser Farbe wurde die Projektionswand geschaffen und ein paar Wandmalereien verschönerten den Raum. Er erhielt den Namen Tresor", wohl weil der Keller eine dieser tonnenschweren Betontüren aufwies, wie sie in Zivilschutzanlagen üblich sind. Mehrere Jahre wurde der "Tresor" genutzt, verlor jedoch an Bedeutung mit dem Aufkommen des Schulfernsehens, der Videofilme und mit der Öffnung der neuen Bibliothek. Auch die Tatsache, dass das Rüti-Schulhaus keine genügend grosse Aula besass, spornte Lehrerschaft und Behörden an, nach einem Ersatz zu suchen. Im Rahmen der jährlichen Frühlingsausstellungen wurden die Schülertheater, Turn- und Musikdarbietungen zwar schon vorher in der unteren Turnhalle durchgeführt, aber die wichtigsten Einrichtungen fehlten. Die Gemeinde bewilligte grosszügig die nötigen Gelder zum Kauf einer rasch montierbaren Holzbühne, für die Anschaffung mehrerer Theaterscheinwerfer und riesiger Stoffbahnen zur hinteren und seitlichen Abdeckung der Bühne. Im Frühjahr 1982 wurde der "Theatersaal" mit dem Stück "Die Schildbürger", aufgeführt von Lehrerinnen und Lehrern, eingeweiht. Seit im Schulhaus die Oberstufenklassen weggezogen sind, wurde allerdings die Theatereinrichtung nie mehr aufgebaut, weil der Aufwand für Klassen der unteren Stufe einfach zu gross ist. Vielleicht erlebt die Theatereinrichtung doch noch einmal eine Renaissance.

33 Jahre nach der Eröffnung des Schulhauses muss nun ernsthaft dessen bauliche Sanierung geprüft und angegangen werden. Vieles am Bau sieht trist und fast bedrohlich aus; vielleicht war das Bauverfahren, das gewählt wurde, doch nicht das Beste. Aber wer wusste dies damals schon? Das Baujahr 1968 war in der Zeit der Hochkonjunktur, Ostermundigens Bevölkerung wuchs und wuchs und es musste möglichst schnell Schulraum geschaffen werden. Viele Unzulänglichkeiten entstanden sicher wegen dieses Zeitdrucks. Aber klar ist: Auch wenn der Bau einige schwer zu verstehende und betrieblich untaugliche Besonderheiten aufweist, in den nunmehr 33 Jahren wurde unterrichtet, wie in jedem andern Schulhaus auch, denn nicht nur die baulichen Voraussetzungen sondern vielmehr der Geist, das Engagement der Lehrerinnen und Lehrer, der Schulkinder und nicht zuletzt der Eltern bewirken ein gutes Schulklima. In diesen langen Jahren ist viel Lustiges, Schönes, Gewöhnliches und auch Trauriges passiert, weil vielerlei Menschen ein und aus gingen und die Kinder für ständige Erneuerungen und stete Auf-frischung sorgen.